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Rehfeldt

Wir laden Sie herzlich ein zu unserer Veranstaltung am 15. Oktober um 19 Uhr im Rahmen der Ausstellung „Die Rehfeldts – eine Künstlerfamilie aus Pankow”.

Lutz Wohlrab wird über „Die Rehfeldts und die Mail Art” sprechen und Julia Heunemann von der ChertLüdde Gallery wird über ihre Arbeit im Mail Art-Archiv von Robert Rehfeldt und Ruth Wolf-Rehfeldt berichten.

Wir bitte um vorherige Anmeldung per E-Mail (mail@wolf-galentz.de)

Ruth Wolf-Rehfeldt und Robert Rehfeldt gehörten zu den experimentellen Künstler’innen im Osten Berlins. Anfang der 1970er Jahre kamen sie über polnische Künstler in Kontakt mit der internationalen Mail Art-Szene. Es gelang ihnen, ein weitreichendes Kontaktnetz zwischen Ost- und Westeuropa, den USA und Lateinamerika aufzubauen. Auch mit Fluxus-Künstlern wie Wolf Vostell, Robert Filliou und Dick Higgins befanden sie sich im postalischen Kunstaustausch. 1975 bat Robert Rehfeldt Künstler*innen aus aller Welt um die Gestaltung einer Postkarte und machte daraus – anlässlich ihrer eigenen Ausstellung in der Galeria Teatru Studio in Warschau – die erste Mail Art-Ausstellung der DDR. Er inspirierte und unterstützte die legendären Mail Art-Ausstellungen in der Ost-Berliner Galerie Arkade 1978 und in der EP-Galerie von Jürgen Schweinebraden 1979. Robert Rehfeldt organisierte das Ost-Berliner Treffen des 1. Dezentralen Internationalen Mail Art-Congresses 1986. Leider verstarb er schon 1993, spätestens zu dieser Zeit stellte auch Ruth Wolf-Rehfeldt ihre künstlerische Arbeit ein.

Bitte denken Sie weiter … hätte Robert gesagt.

Das Mail Art Archiv von Ruth Wolf-Rehfeldt und Robert Rehfeldt umfasst etwa 15.000 Korrespondenz-Werke die das Paar zwischen Anfang der 1970er und Anfang der 1990er Jahre aus seinem beeindruckenden, weltumspannenden Netzwerk erhalten hat. Vertreten sind Zeichnungen, Collagen, Drucke u. a. als Postkarten oder (Ketten-)Briefe aus zahlreichen Ländern beiderseits des Eisernen Vorhangs. Mail Art ermöglichte es vielen Künstler*innen, sich künstlerisch über nationale, geographische und konzeptuelle Grenzen hinweg zu äußern. Der kunsthistorisch wertvolle Fundus eröffnet damit zugleich Einblicke in zeitgeschichtliche Ereignisse und global vernetztes politisches Engagement anhand einer einzigartigen und vielgestaltigen Kunstform. Seit 2017 befasst sich die Berliner Galerie ChertLüdde in Zusammenarbeit mit Ruth Wolf-Rehfeldt mit der Erschließung des Archivs, die seit September 2019 durch eine Förderung der Stiftung Kunstfonds unterstützt wird.

 

Vortragende:

Dr. Lutz Wohlrab (* 1959) ist seit 1985 an vielen internationalen Mail Art-Ausstellungen beteiligt. 1994 gab er das Standardwerk Mail Art-Szene DDR mit heraus. 2007 folgte ein Mail Artisten-Lexikon im Netz: www.mailartists.wordpress.com. Er arbeitet als Psychoanalytiker in Berlin. In seinem Verlag erschienen u. a. Schrift Stücke von Ruth Wolf-Rehfeldt und Kunst im Kontakt über Robert Rehfeldt.

Julia Heunemann ist als Kultur- und Medienwissenschaftlerin an Praktiken und Techniken des Übermittelns, Sammelns und Ausstellens interessiert. Sie arbeitet im Mail Art Archiv von Ruth Wolf-Rehfeldt und Robert Rehfeldt, promoviert über historische Tiefseeforschung und kuratiert Ausstellungen, zuletzt u.a. im museum FLUXUS+ Potsdam und in der galerie weisser elefant Berlin.

 

Robert Rehfeldt, Ausschnitt

Im westlichen Teil Deutschlands dürfte sein Name nur wenigen bekannt sein, und doch hatte Robert Rehfeldt aus Berlin-Pankow – die „Fanfare von Pankow“, wie ihn Künstlerfreund Wolf Vostell titulierte – von allen DDR-Künstlern wohl die ausgedehntesten internationalen Kontakte: durch Mail-art. (Kunstforum, Bd. 115, 1991)

Der Familie Rehfeldt – Robert Rehfeldt (1931–1993), Ruth Wolf-Rehfeldt (* 1932) und ihrem gemeinsamen Sohn René (* 1956) ist die neue Ausstellung bei Wolf & Galentz gewidmet – zum ersten Mal überhaupt werden hier Werke von allen drei Rehfeldts zusammen präsentiert.

Robert und Ruth sind beide besonders für ihre Bedeutung in der Mail Art bekannt; von etwa 1970 bis 1990 – kurz nach der Wende – bildeten sie einen der Knotenpunkte der Mail-Art-Szene in der DDR und – der Natur der Sache Postkunst gemäß – weltweit.

Von der Fluxus-Bewegung in den 1960er-Jahren initiiert, ist die Mail Art eine Kunstform, die etablierte Institutionen und Wertmaßstäbe der Kunstdistribution unterläuft und ihrem Wesen nach integrativ und egalitär ist. Die Kunst liegt mehr im Prozess der Verteilung, im Teilen und Mitteilen der Werke, im Netzwerk selbst als im einzelnen Werk: Die Vernetzung und der Austausch mit anderen Künstler*innen stehen im Mittelpunkt.

Im großen Raum der Galerie Wolf & Galentz werden Werke von Robert Rehfeldt gezeigt: ein großformatiges Bild (3 x 2 m) aus Malerei und Collage, das die Mail Art thematisiert; eine Auswahl von Mail Art und Stempelbildern füllt eine weitere Wand, die dritte Wand zeigt eine mittelformatige Assemblage und einige kleinere Werke; am Fenster stehen zwei Kastenbilder mit Assemblagen.

Von Ruth Wolf-Rehfeldt sind im hinteren Raum der Galerie einige seltenen Gemälde der Künstlerin zu sehen, neben einer Auswahl von Typewritings, der Kunstform, für die die Künstlerin berühmt geworden ist, die schließlich auch auf der documenta 14 zu sehen waren: mit Schreibmaschine aus Lettern „gemalte“ Bilder.
Im kleinen Raum zwischen seinen beiden Eltern zeigt René Rehfeldt (* 1956) druckgrafische Arbeiten.
Ergänzt wird die Ausstellung um mehrere Skulpturen eines Freundes von Robert Rehfeldt, dem Bildhauer Rolf Winkler (1930–2001).

Joachim Pohl, ein profunder Kenner der Kunst in der DDR und der Familie Rehfeldt seit vielen Jahrzehnten freundschaftlich verbunden, wird die Eröffnungsrede halten.


Eröffnung: Sonntag 13. September 2020, 15–20 Uhr, Einführung: Joachim Pohl

Wegen der aktuellen Situation bitten wir Sie Ihren Besuch per E-Mail (mail@wolf-galentz.de) anzumelden.

Öffnungszeiten nach vorheriger Anmeldung per E-Mail: Sonntag 14:30–17:30 Uhr | Montag 17:30–21:30 Uhr und nach Vereinbarung

Ausstellungsdauer: 14. September – 25. Oktober 2020

Künstler*innen

Ruth Rehfeldt, Edition
Robert Rehfeldt, Malerei, Collage, Mail-Art
René Rehfeldt, Druckgrafik

und Arbeiten des Bildhauers Rolf Winkler

Finissage: Sonntag, 25. Oktober 16-20 Uhr

Henrik Jacob

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir laden Sie herzlich ein, unsere kommende Blue Balloon Einzelausstellung mit Werken von
Henrik Jacob
vom 7. November bis 15. Dezember 2020 zu besuchen.

Eröffnung mit voriger Anmeldung: Fr 6. November 2020, ab 18 Uhr
Ausstellungsdauer: 7. November 2020 – 8. Januar 2021
Finissage: 8. Januar 2021, 19 Uhr

Bei arte finden Sie einen schönen Kurzbeitrag zu Henrik Jacob. Beitrag auf der arte-Website ansehen

Gisa Hausmann

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir laden Sie herzlich ein, unsere neue Ausstellung Blumen – Annäherungen an ein verschrienes Sujet
vom 30. Mai bis 28. Juli 2020 zu besuchen.

Eröffnung mit voriger Anmeldung: Fr 29. Mai 2020, 14–22 Uhr

Finissage: Di., 28. Juli von 17–22 Uhr

Ausstellungsdauer: 30. Mai – 28. Juli 2020

Wegen der aktuellen Situation müssen wir leider auf eine Eröffnung mit vielen Menschen verzichten. Um zu gewährleisten, dass nicht zu viele Personen gleich­zeitig die Ausstellung besuchen, werden wir in Kürze auf unserer Website ­ein Anmelde­formular bereitstellen. Alternativ können Sie uns auch eine E-Mail schreiben oder anrufen, um einen Besichtigungstermin zu vereinbaren.

Einen digitalen Rundgang durch die Blumenausstellung finden Sie hier.

 


Künstlerinnen und Künstler

Galerieraum

Kabinett

  • Mariam Aslamasjan
  • Gerhart Bergmann
  • Siegfried Dondorf
  • Brigitta Friedrich
  • Klaus Fußmann
  • Archi Galentz
  • G. von Galentz
  • Christl Maria Göthner
  • Joseph Heeg
  • Alexander Horn
  • Thomas Kaemmerer
  • Philipp Mager
  • Fritz Marlier
  • Oleg Neishtadt
  • Nazeli Nikogosjan
  • Jürgen Parusel
  • Jürgen Wittdorf

Abbildung: Gisa Hausmann, Seidenmohn, 1996, 38 x 56 cm (Ausschnitt)


Blumen – Annäherungen an ein verschrienes Sujet

Die drei Positionen im großen Hauptraum der Galerie, Gisa Hausmann, Marina Koldobskaja und Ira Schneider, zeigen in ihrer Unterschiedlichkeit eine sehr breite Palette möglicher Herangehensweisen an das Sujet Blumen:

Die Papierarbeiten der Berlinerin Gisa Hausmann (1942–2015) stellen mit realistischen Details und in an Jugendstil erinnerder Manier Gewächshausblumen dar, Blumen, die offensichtlich kunstvoll gezüchtet sind. Mit äußerster Akribie und meisterhafter Beherrschung der handwerklichen Aspekte kombiniert Hausmann druckgrafische Techniken mit freiem, lockeren Pinselstrich in Aquarell in strahlenden Farben. Sie verwendet Schrägschnittpassepartouts und vergoldete Rahmen – ihre Werke sind bis ins letzte Detail durchkomponiert. Einige Werke in ihrem künstlerischen Nachlass, den die Galerie Wolf & Galentz betreut, sind nicht fertiggestellt, an einigen Werken arbeitete sie über viele Jahre immer wieder. Wir zeigen eine Auswahl der besten Arbeiten aus der Serie Florale Pracht in Collage, Druckgrafik, Aquarell und auch ein Werk in der von Hausmann erfundenen Technik Hapix-Set. Beim Hapix-Set verwendet Hausmann Fragemente eigener Arbeiten aus verschiedenen Perioden und verändert diese am Computer zu anderen Formen und Farben und erschafft vollständig neue Kompositionen und malerische Zusammenhänge.

 

Marina Koldobskaja (* 1961) malt in Acryl auf Papier und Leinwand in reduzierter Formgebung expressive Blumen, einzeln, zu mehreren oder in ganzen Feldern; Blumenbeete, Blumenwiesen und Drogen-Plantagen, wie sie selbst schreibt. Sie lebt und arbeitet in Sankt Petersburg in Russland.

Koldobskajas Blumen haben eine Anmutung von Einfachheit, sie scheinen ganz simpel. Klare Linien, leuchtende Farbflecken, ein sparsamer Hintergrund. Plakatfarben in Schwarz-Weiß-Rot, Blau-Gold – „der heraldische Lakonismus der Palette“, wie sie selbst das nennt.

Wenn man die Bilder jedoch in die Hand nimmt, stellt sich heraus, dass die Klarheit das Ergebnis langer konzentrierter Arbeit ist: das Gewicht der Bilder, wenn man sie in die Hand nimmt, verrät die vielen Farbschichten, die vielen Übermalungen, und damit auch die lange Zeit, die an die Künstlerin an ihnen gearbeitet hat, um zur vollkommenen Komposition zu finden. Diese Dialektik ist spürbar in den Bildern: das Einfache, das einen kunstvolle, intensive Tätigkeit voraussetzt.

Der aus New York stammende Videokünstler Ira Schneider (* 1939) fotografiert Blumen mit einem Hohlspiegel, unter anderem in seinem eigenen kleinen Garten im Wedding. Die so entstehenden Fotografien wirken fast wie ungegenständliche Gemälde; die Verzerrung bewirkt eine starke Abstraktion. Schneider weist darauf hin, dass Menschen zu 67 Prozent aus Wasser und zu 33 Prozent aus Blumen bestehen. Darüber hinaus wird bei Wolf & Galentz eine neuere Videoarbeit von ihm gezeigt. Schneider ist bereits seit Entstehung der Videokunst in diesem Genre aktiv, als einer der wichtigsten Pioniere der Videokunst ist er für mehrere bahnbrechende Erfindungen im damals noch jungen Medium in den 1960er-Jahren verantworlich.

 

Jeweils ein oder zwei Blumenbilder, schwerpunktmäßig Farbradierungen, von einer Reihe weiterer Künstlerinnen und Künstler werden im Kabinett, dem kleinen hinteren Raum der Galerie gezeigt:

Mariam Aslamasjan, Gerhart Bergmann, Siegfried Dondorf, Brigitta Friedrich, Klaus Fußmann, Archi Galentz, G. von Galentz, Christl Maria Göthner, Joseph Heeg, Alexander Horn, Thomas Kaemmerer, Philipp Mager, Fritz Marlier, Oleg Neishtadt, Nazeli Nikogosjan, Jürgen Parusel und Jürgen Wittdorf.

Die Werke sind klein- oder mittelformatig, es sind neben den Radierungen auch Ölgemälde, Gouachen und Schüttbilder – ein Garten mit ganz unterschiedlichen Blumen.


Blumen – ein verschrienes Sujet

von Anna E. Wilkens

Gisa Hausmann, eine der Künstlerinnen in der Blumenausstellung bei Wolf & Galentz, erzählt in ihren Lebenserinnerungen:

Und das Verrückte passierte, dass in der Zeit dieses Elends, dieses schweren seelischen Elends, ich von jetzt auf gleich das zwingende Bedürfnis hatte, mich mit floralen Motiven arbeitsmäßig auseinanderzusetzen.

„Verrückt“ ist das Unvereinbare, der Widerspruch zwischen Elend und dem Bedürfnis nach diesem Sujet, das also eigentlich unmöglich ist. Der Widerspruch ist nicht nur der zwischen leidvoller Situation und Sujet, sondern auch der zwischen seriöser Kunst und Blume als Motiv. Hausmann fährt in ihrer Erzählung fort:

Eine Kollegin, die mich besuchte, verlor schier die Fassung, die sagte, sie habe erwartet, dass ich nun Zigarettenkippen, umgestürzte alkoholische Flaschen und sonstige Zeugen meines Elends malen würde. Und sie sagte: Wie ist das möglich, in einer solchen Situation, sich mit Blumen auseinanderzusetzen? Sie meinte dann irritiert: Aber die sind ja wunderschön, die Arbeiten. Das war dann die Kehrtwende.
(Gisa Hausmann, Diktat, Datei 150926_002.mp3 vom 26.09.2015)

Die Kollegin ist entsetzt, denn sie kennt Hausmann als seriöse Künstlerin, wozu die Blumen nicht zu passen zu scheinen. Aber sie können sich durch ihre Schönheit rehabilitieren. Es ist letztlich genau dieser unaufgelöste Widerspruch, der auch in den Bildern selbst enthalten ist: Ambivalenz, Unbequemes, Infragestellung von Konventionen sind alles Merkmale, die zeitgenössische Kunst ausmachen, wenn sie als Kunst ernst genommen werden will (mindestens in einigen Definitionen von Kunst). Dennoch sollte Hausmann für den Rest ihres Lebens das Wort „Blumenbilder“ vermeiden und sie stattdessen „floral“ nennen.

„Blumen zu malen gilt in der zeitgenössischen Kunst als unanständig“, schreibt Marina Koldobskaja ganz explizit. Sie ist eine weitere Künstlerin der Ausstellung, eine Generation jünger als Hausmann. Wenn man trotzdem Blumen male, riskiere man den eigenen Ruf als seriöse Künstlerin (man wäre dann stattdessen SonntagsmalerIn, Hausfrau, Kind in einem Malkurs oder ausschließlich an schnellem kommerziellen Erfolg interessiert). Als wäre ein Kunstwerk auf sein Motiv reduzierbar.
(Text auf der Homepage von Marina Koldobskaja, http://marinakoldobskaya.net/artist-work/painting/probably-paradise)

Dieses Phänomen jedenfalls, das Koldobskaja „unanständig“ nennt (неприлично), ist im Titel der neuen Ausstellung bei Wolf & Galentz mit „verschrien“ bezeichnet.

Blumen gelten als dekorativ, und das Dekorative ist unvereinbar mit zeitgenössischer Kunst – so jedenfalls die Behauptung im Diskurs über zeitgenössische Kunst, der sagt, dass Kunst immerzu eindeutig mindestens schwierig, hässlich, irgendwie gebrochen oder gleich politisch sein soll – verblüffend ist, dass die Angst vor dem Kommunikationsdesign nicht ebenso groß ist wie die vor dem Dekorativen. Dabei wäre sie durchaus berechtigt, denn wenn ein Kunstwerk die feine Balance zwischen dem, was sich nicht in Worte fassen lässt, und dem offensichtlich Politischen nicht hält, kann es entweder in die eine Richtung kippen und didaktischer Slogan werden oder in die andere und unverständlicher oder – noch schlimmer – fragwürdiger Brei.

Noch Kant konnte Blumen ausgesprochen positiven Wert beimessen im Hinblick auf ästhetische Urteile:

„Blumen sind freie Naturschönheiten. Was eine Blume für ein Ding sein soll, weiß außer dem Botaniker schwerlich sonst jemand […]. In der Beurteilung einer freien Schönheit (der bloßen Form nach) ist das Geschmacksurteil rein. Es ist kein Begriff von irgendeinem Zwecke, wozu das Mannigfaltige dem gegebenen Objekte dienen und was dieses also vorstellen solle, vorausgesetzt, wodurch die Freiheit der Einbildungskraft, die in Beobachtung der Gestalt gleichsam spielt, nur eingeschränkt werden würde. (Kant, Kritik der Urteilskraft, § 16)

Das zitiere ich hier nicht zuletzt deshalb, weil man eine thematisch schön passende Kant-Stelle nicht unbeachtet vorüberziehen lassen sollte, obwohl Kant hier von Blumen spricht und nicht von Blumen in der Kunst (die Kritik der Urteilskraft ist keine Abhandlung über Kunst). Nichts behindert in der Begrifflosigkeit das freie Spiel der Vorstellungskräfte.

Mehrere Gedanken können hier anknüpfen, nämlich a) dass es ein weit verbreiteter Irrtum ist, in Kants Denken sei Kunst „freie Schönheit“, denn das ist sie nicht. Man hat immer einen Begriff, eine Vorstellung, an der man misst, ob das Dargestellte beziehungsweise die Darstellung vollkommen sei, man muss also etwas über das Dargestellte wissen. Und b): Blumen sind gar nicht so begrifflos, wie hier impliziert ist – was allerdings auch dem Zeitenabstand geschuldet ist: Kant ist Zeitgenosse von Carl von Linné, der hier nur als berühmtestes Beispiel für den Beginn moderner, wissenschaftlicher Taxonomie genannt werden soll; zu Kants Lebzeiten entstand gerade erst, was wir heute unter Biologie verstehen, und es gab damals, anders als heute, keinen Biologieunterricht in der Schule, von allgemeiner Schulpflicht mal ganz zu schweigen. Wir wissen heute um Einiges mehr über Blumen als Kant und wir haben auch mehr kulturgeschichtliche Versatzstücke zu Blumen im Kopf als er (vermute ich), angefangen bei der Lilie der Verkündigung, mittelalterliche Maler, die statt einer Signatur eine Blume auf ihren Bildern unterbrachten (etwa die Nelkenmeister), die Blaue Blume der Romantik, Blumenstillleben im Barock, die Tulpenmanie in den Niederlanden Anfang des 17. Jahrhunderts, die Sprache der Blumen, in der jeder Blume eine bestimmte Bedeutung zugeordnet wird, auf die etwa Joseph Beuys in einer Arbeit anspielt – die übrigens dezidiert gesellschaftkritisch-politisch ist; Emil Noldes Blumenbilder, um nur einige zu nennen.

Um auf die zeitgenössische Kunst und die Forderung nach politischer Relevanz ihrer Themen zurückzukommen: Blumen sind keineswegs per se ein unpolitisches Thema, man denke nur an den kommerziellen Schnittblumenanbau in Südamerika oder Afrika, wo Blumen für die Wohlhabenden in der Ersten Welt von Menschen angebaut, gepflegt und gepflückt werden, die zu einem Hungerlohn arbeiten und von den verwendeten Pestiziden krank werden (glücklicherweise ist dieses Problem seit bereits mehreren Jahrzehnten so weit ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, dass es inzwischen auch fair gehandelte Blumen gibt) und die in den oft eher trockenen Anbaugebieten so viel Wasser verbrauchen, dass das Trinkwasser knapp wird; man denke an Drogen-Plantagen – wenn es um Blumen geht, also Pflanzen mit auffallenden Blüten, dann ist das hier im Besonderen Schlafmohn, aus dem Opium gemacht wird – und die mit den Drogen verbundende organisierte Kriminalität, an Auswüchse des Kapitalismus wie den Valentinstag, an das Biensterben durch Ackergifte etc.

Vermutlich hat die Angst vor dem Dekorativen auch mit einer Verwechslung des Schönen mit dem Dekor zu tun. Gisela Breitling, Freundin von Gisa Hausmann und wahrscheinlich die „Kollegin“ in obigem Zitat, schreibt in einem Text über Hausmanns Blumen:

Die Malerin Gisa Hausmann aber macht eine außergewöhnliche, verblüffende Entdeckung: Schönheit ist, ist seiend, ist Teil der Welt, ist da, eine Erkenntnis aus dem Off, notiert auf einem Kassiber, den sich die vom Zeitgeist Weggesperrten als geheime, unerlaubte Botschaft zukommen lassen. Schönheit ist eingeschmolzen in die Substanz der Welt, aber sie muss neu erkannt werden, um in unserem Dasein als seiend erfahren zu werden. Schönheit ist diejenige anstößige und Anstoß erregende Kraft der Evolution, die erstaunlicher- und konsequenterweise bislang keinen Eingang gefunden hat in die Theorien des Werdens der Welt und der Lebewesen. […] Und daher behaupte ich, dass jetzt, gegenwärtig, die Schönheit in den Künsten und für die Künste eine weit größere Herausforderung darstellt als das, was wir gewöhnlich für künstlerische Provokation halten.
(Gisela Breitling, „Gisa Hausmann oder die Paradoxie des Schönen“, in: blattgold – das kulturmagazin, Heft 2, 2005, S. 6–9, hier S. 8–9)

Die zeitgenössische Kunst selbst hält sich glücklicherweise nicht unbedingt ans Blumenverbot im Dienste der Vermeidung des Dekorativen, sondern sie stellt sich der von Breitling genannten Herausforderung, sonst müssten wir auf die bemerkenswerten Bilder in der Ausstellung verzichten.

Anna E. Wilkens

 

soundscapes 25

Am Sonntag , 23.  Februar 2020 gibt es ein weiteres Konzert in der Reihe „Soundscapes“ im Genre der Echtzeitmusik  bei Wolf & Galentz.

Hierzu laden wir Sie herzlich ein.
Einlass 19:30 Uhr, Beginn 20.15 Uhr
Spende für die Musiker: 12 € / 8 € (ermäßigt)

Musiker:

  • Sebi Tramontana
    Posaune
  • Frank Gratkowski
    Klarinette, Altsaxofon
  • Harri Sjöström
    Sopran- und Sopraninosaxofon
Frank Gratkowski (l), Sebi Tramontana (r), Photo: Christina Marx

Frank Gratkowski (l), Sebi Tramontana (r), Photo: Christina Marx

Sebi Tramontana

Musiker, Zeichner

Posaunist und Wahlmünchner Sebi Tramontana, bekannt als origneller Interpret und Komponist zwischen Jazz und neuer Musik sowie seit Jahren Mitglied der italienischen Allstar Formation Italian Instabile Orchestra. Zusammenarbeit unter anderem mit Mario Schiano, Frank Gratkowski, Giancarlo Schiaffini, Joelle Leandre, Paul Lovens und Carlos Zingaro.

Gastierte in Europa, Japan, den USA und Kanada.

Frank Gratkowski

Musiker, Komponist

Gratkowski erforscht Klänge und arbeitet stets an der Erweiterung seines Klangrepertoires und der Auslotung der Töne, die er auf seinen Instrumenten erzeugen kann. Besonders solo und in kleinen Besetzungen fällt die Klarheit seines Tones auf. Seine zum Teil mikrotonal orientierten Kompositionen führt er auch mit dem Multiple Joy[ce] Orchestra auf.

Gratkowski spielt in einer Reihe von verschiedenen Ensemblen; darunter seit 1999 im Duo mit Sebi Tramontana. Er ist auf fast jedem deutschen und auf vielzähligen internationalen Jazz- und Neue-Musik-Festivals aufgetreten, darunter in Vancouver, Toronto, Chicago, New York, Seattle, Quebec, Les Mans, Muelhuus, Groeningen, Nickelsdorf, Barcelona, Litauen, Warschau, Zagreb, Prag, Bratislawa, Sofia, Bukarest, Odessa, Huddersfield, London.

Er hat Saxofon und Ensemble an den Konservatorien in Köln, Berlin und Arnhem unterrichtet und gibt Workshops rund um die Welt.

Gratkowski lebt in Berlin.

 

Harri Sjöström

Harri Sjöström

Harri Sjöström

Der Finne Harri Sjöström lebt seit mehr als dreißig Jahren in Berlin, spielt Saxofon in den verschiedensten Ensembles im In- und Ausland. Seit vielen Jahren organisiert regelmäßig Projekte und Konzertreihen mit internationalen Musikerinnen und Musikern. Er ist der Initiator und künstlerische Leiter der Konzertreihe Soundscapes

Holzstich Ausstellung

Wir laden Sie und Ihre Freund*innen herzlich zur Vernissage der Ausstellung Holzstich am Freitag, den 24. Januar 2020
um 19 Uhr ein.

Ausstellungsdauer: 25.01.–01.03.2020 (verlängert bis 29.3.2020)
Konzert Soundscapes: So 23.02.2020, 20 Uhr
Die Finissage muss wegen der Corona-Epidemie leider entfallen, bitte lesen Sie unsere Information dazu auf der Startseite

Kuratiert von Archi Galentz.

Ein Katalog der Ausstellung ist in Vorbereitung und kann vorbestellt werden.

Holzstich

  • Wassili Nikolajewitsch Masjutin Масютин Василий Николаевич (1884–1955)
  • Karl Rössing (1897–1987)
  • Karl-Georg Hirsch (* 1938)
  • Wolfgang Würfel (* 1932)
  • Iwan Nikolajewitsch Pawlow Павлов Иван Николаевич (1872–1951)
  • Anatoli Andrejewitsch Suworow уворов Анатолий Андреевич (1890–1943)
  • Alexei Iljitsch Krawtschenko Кравченко Алексей Ильич (1889–1940)
  • Pawel Alexandrowitsch Schilingowski Шилинговский Павел Александрович (1881–1942)
  • Wladimir Andrejewitsch Faworski Фаворский Владимир Андреевич (1886–1964)
  • Georgi Alexandrowitsch Echeistow Ечеистов Георгий Александрович (1897–1946)
  • Michail Iwanowitsch Poljakow Поляков Михаил Иванович (1903–1978)
  • Michail Iwanowitsch Pikow Пиков Михаил Иванович (1903–1973)
  • Illarion Wladimirowitsch Golyzin Голицин Илларион Владимирович (1928–2007)
  • Henrietta Nikolajewna Burmagina Генриетта Николаевна Бурмагина (1939–1984)
    & Nikolai Wassiljewitsch Burmagin Бурмагин Николай Васильевич (1932–1974)
  • Arkadi Michailowitsch Kolchanow Колчанов Аркадий Михайлович (1925–2008)
  • Michail Michailowitsch Wercholantsew Верхоланцев Михаил Михайлович (* 1937)

Holzschnitt

Kabinett: Farbholzschnitt

  • Mitsuo Katsui (* 1931)
  • Utagawa Kuniyoshi (1798–1861)
  • Utagawa Kunisada (1786–1865)
  • Utagawa Hiroshige II. (1826–1869)
  • Ikeda (Keisai) Eisen (1791–1848)
  • Philipp Mager (* 1966)

Ausstellungsansichten:

Holzstich: Königsdisziplin der Grafik

Holzstich gilt vielen als die Königsdisziplin der Grafik – die oft nur briefmarkengroßen Blätter, nicht selten auf hauchdünnem Papier gedruckt, sind außerordentlich faszinierend.

In der Ausstellung zeigt die Galerie Wolf & Galentz ausgesuchte Werke von über zwanzig Künstlern*innen in verschiedenen Gegenüberstellungen. Darunter sind Werke der deutschen Künstler Karl Rössing (1897–1987) und Karl-Georg Hirsch (* 1938) sowie Arbeiten der weit über die Grenzen Russlands hinaus renommierten Künstler Alexei Krawtschenko (1889–1940) und Wladimir Faworski (1886–1964), um nur die Bekanntesten zu nennen. Auch Michail Wercholantzew (* 1937), Mitglied der russischen Akademie der Künste, hat für diese Ausstellung acht Motive aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt.

Holzstich als Vervielfältigungstechnik

Der Holzschnitt, aus dem sich der Holzstich entwickelte, zählt zu den grafischen Hochdrucktechniken und zu den ältesten Methoden, Vervielfältigungen auf Papier herzustellen. In Europa gibt es den Holzschnitt seit dem 14. Jahrhundert, zunächst für Einblattdrucke, Blockbücher und schließlich Illustrationen in Büchern genutzt. Nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern nahm die Verbreitung des Holzschnitts zunächst stark zu (wurde allerdings weiterhin auch für Flugblätter und Pamphlete genutzt, etwa in der Reformationszeit). Im Buchwesen wurde er allerdings bereits im 17. und 18. Jahrhundert von der Radierung ersetzt, die wiederum im späten 18. Jahrhundert einerseits der Lithografie, andererseits dem von dem Engländer Thomas Bewick entwickelten Holzschnitt abgelöst wurde. Sowohl Holzschnitt als auch Holzstich wurden seit dem 19. Jahrhundert auch als künstlerische grafische Techniken für eigenständige Bildwerke verwendet, haben aber den Bezug zur Illustration im Buchwesen nicht verloren.

Präzision

Besonders präzise unter den historischen Drucktechniken ist der Holzstich, der in die homogenen Faserstrukturen des quergeschnittenen Holzes (Stirnholz) gearbeitet wird – oft so fein, dass Vergrößerungsapparate nötig sind. Holzstich ermöglicht hohe Auflagen in guter Qualität; die Druckplatten aus Stirnholz sind deutlich häufiger einsetzbar als jene aus Kupfer.

Vor allem die Grauwerte, die durch unterschiedliche Stichelführung entstehen, zeichnen den Holzstich gegenüber dem gröberen, spontaner und expressiver wirkenden Holzschnitt aus. In der klassischen Moderne, besonders im Expressionismus, wurde im Besonderen der Holzschnitt sehr beliebt (Munch, Heckel, Kirchner, Nolde), nicht zuletzt auch beeinflusst durch den japanischen Farbholzschnitt des 19. Jahrhunderts.

Mit der Verbreitung des Digitaldruckers, ubiquitären Copyshops mit erstaunlicher Qualität und dank weiterer Standardisierung des bezahlbaren Offsetdrucks, gepaart mit der medialen Bilderflut, ist das Interesse an Druckgrafik, besonders an schwarz-weißen Techniken, stark zurückgegangen. Diese Tendenz öffnet andererseits Chancen für Sammlerinnen und Sammler, da seltene Grafikblätter mit ihrer wunderbaren Ästhetik wieder auf dem Kunstmarkt auftauchen.

Ex-libris-Drucke

Heute sammelt man Ex-libris-Drucke, die zu einer Art Denkmal der Zusammenarbeit zwischen Sammlerinnen und Sammlern und den Kunstschaffenden wurden. Und auch heute noch gibt es den exklusiven Buchdruck mit speziell angefertigten Illustrationen in kleinen Auflagen.

Neben Katalogen zum Werk der ausgestellten Künstler sind bei unserer Ausstellung auch Bücher mit Illustrationen von Originaldruckstöcken zu finden.

Archi Galentz und Andreas Wolf als Betreiber der Galerie Wolf & Galentz sind interessierte Sammler von außergewöhnlichen Beispielen der Druckgrafik. Darüber hinaus haben beide ein besonderes Verhältnis zu Grafik und grafischen Künsten: Wolf hat neben bildender Kunst auch Grafikdesign studiert, Galentz war Tutor in der Lithografiewerkstatt der UdK Berlin, wo er bis 2002 studiert hat.

Zu den ersten Grafikblättern von Galentz Sammlung zählte ein Holzstich des Leipziger Künstlers Karl-Georg Hirsch. Die Galerie kaufte weitere Blätter von Hirsch und erwarb auch ein bescheidenes Konvolut von Drucken des Russen Wassili Masjutin, der in den 1920er-Jahren nach Berlin kam.

Weitere einzelne, auf dem Berliner Kunstmarkt gefundene Drucke der russischen Klassiker motivierten schließlich die Idee, dieser heute selten gewordenen grafischen Gattung eine eigene Ausstellung zu widmen, um, unter anderem, die Leidenschaft für diese einzigartige Ästhetik zu erhalten.

Alexei Krawtschenko

Als besondere Glücksfall sei die uns gebotene Chance erwähnt, neben einigen einzelnen Blättern auch zwei Reihen des sehr bekannten russischen Künstlers Alexei Krawtschenko für unsere Ausstellung gewinnen zu können – „Aus dem Leben der Frau“ (1928) und „New York“ (1929).

Da einige der ausgestellten Künstler nicht nur Holzstiche, sondern auch Holzschnitte schufen und die Grenzen zwischen diesen beiden Techniken ausloteten, unter anderem, um Farbe in die ursprünglich schwarz-weiß dominierte Ästhetik der grafischen Hochdrucktechniken zu bringen, erweitern wir die Präsentation der Holzstiche mit einer Auswahl von Holschnitten. Wir zeigen einige Blätter von Conrad Felixmüller (1897–1977), Stephan Preuschoff (1907–1994), Helena Scigalla (1921–1998) und Jürgen Wittdorf (1932–2018).

Ukiyo-e

Darüber hinaus präsentieren wir einige japanische Blätter aus unserer Sammlung. Beim japanischen Farbholzschnitt wird das Holz (meist) der Wildkirsche zwar im Längsschnitt – wie beim Holzschnitt – verwendet, aber dennoch eine dem Holzstich vergleichbare Präzision erreicht, und größere Felder auf den Stöcken ermöglichen feine Farbverläufe. Wir präsentieren einige Ukiyo-e-Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert sowie einige moderne Nachdrucke zum Vergleich. Und schließlich mit Mitsuo Katsui (* 1931) auch einen zeitgenössischen Vertreter des japanischen Farbholzschnitts.

Die japanischen Drucke sind auf zwei Wänden unseres Kabinetts ausgestellt und heben als farbintensive Kunstwerke die Nobilität des klassischen Schwarz-Weiß-Druckes hervor. Zuletzt wird eine Reihe der farbigen Holzdrucke des Berliner Malers Philipp Mager (* 1966) auf den zwei weiteren Wänden des Kabinetts den japanischen Farbholzschnitten gegenübergestellt und so sowohl ein Dialog zwischen den Kulturen angeregt als auch alte Meister gewürdigt.

Archi Galentz

Text von Peter Michel zur Ausstellung

 

Portfolio Einträge