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Galerie Wolf & Galentz

Die Galerie Wolf & Galentz zeigt Druckgraphik berühmter Meister aus Russland und Deutschland.
Von Peter Michel

Auch im Bereich der bildenden Künste ist es möglich, der allgegenwärtigen Russophobie entgegenzuwirken. Das Deutsch-Russische Forum und die deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde laden für den 18. Februar 2020 zu einer Podiumsdiskussion »Geraubte Ikonen – zerstörte Kirchen« in die Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein. In der zurzeit gängigen deutschen Erinnerung bildet das ungeheure Ausmaß der Kulturzerstörung im Krieg gegen die Sowjetunion einen »weißen Fleck«. Die sowjetische Regierung bezifferte die Verluste an beweglichen Kulturgütern auf mehr als eine Million Gegenstände. Kommt die Sprache auf Kulturverluste, wird jedoch in Deutschland reflexartig auf die eigenen Kriegsverluste verwiesen.

Wenn die kleine Galerie Wolf & Galentz in der Berliner Wollankstraße sich heute entschließt, anhand eines künstlerischen Handwerks das Gemeinsame in der Historie beider Länder zu entdecken und zu präsentieren, so ist das nicht nur für Kunstinteressierte von Bedeutung, sondern es dient dem Abbau von wieder errichteten Vorbehalten, die im schlimmsten Fall zu aggressivem Denken führen. Kunst übernimmt auf diese Weise eine Vermittlerfunktion.

Andreas Wolf und Archi Galentz sind begeisterte Sammler von außergewöhnlichen Beispielen der Druckgraphik. Der Armenier Archi Galentz, dessen Werke u. a. in der GBM-Galerie und in der Ladengalerie der »jungen Welt« zu sehen waren, trug über viele Jahre hinweg Meisterwerke der Druckgraphik aus Russland und Deutschland zusammen. Im Mittelpunkt steht dabei der Holzstich, eine Sonderform des Holzschnitts, von vielen als Königsdisziplin der Druckgraphik bezeichnet. Während der Holzschnitt mit speziell geformten Messern ins längs der Faser geschnittene Langholz hineingearbeitet wird, entsteht der Holzstich durch Bearbeitung von hartem Hirnholz – meist Buchsbaum -, das quer zur Faser vom Holzblock gesägt und geglättet wurde. Auf der so entstandenen Fläche gibt es keine Maserung. Man braucht feine Stichel, um darauf zu gestalten. Damit sind akkurateste Linien und Schraffuren möglich, differenzierte Halbtöne und malerische Tonabstufungen. Diese graphische Technik wurde schon im 17. Jahrhundert genutzt, erlebte ihre Blütezeit im 19. Jahrhundert, wurde vor allem im Buch- und Pressedruck eingesetzt, verlor aber mit der Entwicklung fotomechanischer Reproduktionstechniken mehr und mehr an Bedeutung. Heute ist sie noch immer ein anspruchsvolles künstlerisches Ausdrucksmittel, gehört aber zu den seltenen Techniken.

Der Moskauer Wladimir Andrejewitsch Faworski (1886-1964) wird zu Recht als Erneuerer des Holzstichs im 20. Jahrhundert bezeichnet. Er bevorzugte historische Themen und wurde vor allem durch seine Holzstichillustrationen zu Werken von Prosper Mérimée, Dante Alighieri und Alexander Puschkin international bekannt. Von ihm ist in der Ausstellung neben einem ländlichen Motiv das 1929 geschaffene Porträt Fjodor Dostojewskis zu sehen, ein Holzstich von größter Präzision. Faworski wirkte als Anreger für zahlreiche andere russische Graphiker, z.B. für Wassili Nikolajewitsch Masjutin (1884-1955), der Riga geboren wurde, u. a. Lehrer an der WCHUTEMAS, dem russischen Äquivalent zum deutschen Bauhaus, war und 1921 während des Bürgerkrieges nach Berlin emigrierte, wo er bis zu seinem Tod lebte. Dort blieb er seinen russischen Wurzeln treu, illustrierte Werke von Alexander Blok, Dostojewski, Gogol, Puschkin, Tolstoi, Turgenjew u. a. Dieser bedeutende Holzstecher ist in der Ausstellung mit elf Arbeiten vertreten, die frühesten von 1918, die jüngste aus dem Jahr 1939 – ein Holzstich mit dem Titel »Saporoger Kosaken in der Steppe«.

Manches dieser Blätter ist – wie bei manchen anderen Künstlern auch – wegen seines Alters schon vergilbt. Der Alterungsprozess des Papiers weist darauf hin, wie wichtig es ist, solche Zeugnisse einer bedeutenden historischen Periode für die Nachwelt zu erhalten. Es wird schon zu viel vergessen.

Zu den russischen Künstlern, von denen in dieser kleinen, aber anspruchsvollen Galerie Arbeiten (nicht nur Holzstiche, sondern auch einige wenige – teils mehrfarbige – Holzschnitte, Radierungen und Lithografien) zu sehen sind, gehören Iwan Nikolajewitsch Pawlow (1872-1951), der »Volkskünstler der UdSSR« war und u. a. ein Leninporträt schuf, Alexei Iljitsch Krawtschenko (1889-1940), Pawel Alexandrowitsch Schilingowski (geb. 1881) und andere. Bei vielen fallen eindeutige sozialkritische Tendenzen auf. So gestaltete Krawtschenko nicht nur Blätter zur Unterdrückung der Frauen im Orient, sondern er illustrierte auch auf beindruckende Weise Stefan Zweigs 1927 entstandene Novelle »24 Stunden aus dem Leben einer Frau«. Schilingowski, der u. a. mit dem 1925 geschaffenen Holzstich »Selbst mit 44 Jahren« vertreten ist, verhungerte am 5. April 1942 während der Blockade Leningrads.

Da der Holzstich meist kleinformatig ist, sieht man in dieser Ausstellung viele Exlibris (Bucheignerzeichen). Und manchmal wünscht man sich eine Lupe, um die letzten Finessen erleben zu können. Die deutschen Holzstecher und Holzschneider sind mit Karl Rössing, Karl-Georg Hirsch, Inka Grebner, Wolfgang Würfel, Helena Scigala, Harald Hakenbeck, Jürgen Wenzel. Stephan Preuschoff, Conrad Felixmüller, Jürgen Wittdorf und Philipp Mager vertreten. In der DDR zählten Gerhard Kurt Müller, Egbert Herfurth, Herbert Kästner, Hans Schulze, Ursula Wendorff-Weidt, Werner Klemke, Werner Wittig und andere zu denen, die oft mit dem Holzstich arbeiteten. Über Karl-Georg Hirsch schrieb der Kunstkritiker Lothar Lang, dieser sei aus der Leipziger Holzstecherschule »als produktivster und eigenwilligster Künstler mit Bravour hervorgegangen« . Von Hirsch sind fünf Holzstiche und eine Radierung zu sehen, darunter das herausragende Blatt »Auch für Daniel Ch. «, eine Hommage an den Berliner Kupferstecher Chodowiecki. Vielleicht lag es auch an einem unterschwellig ausgetragenen Wettbewerb zwischen diesen Künstlern um den feinsten, nuancenreichsten, differenziertesten Holzstich, dass dieses graphische Handwerk in der DDR eine solche Blüte erlebte.

Die Ausstellung umfasst 97 Arbeiten von 31 Künstlern, ergänzt durch Vitrinen mit Druckmaterialien, Büchern u. ä.; eine kleine Abteilung zeigt japanische Farbholzschnitte. Die meisten Werke sind zu moderaten Preisen verkäuflich. Diese Schau verbindet Erkenntnisgewinn mit ästhetischem Genuss. Sie wurde mit Leidenschaft zusammengetragen und macht deutlich, dass der Dialog zwischen den Kulturen weit menschlicher ist als Säbelgerassel an den Grenzen Russlands.

Peter Michel

[1] Lothar Lang: Ein Leben für die Kunst. Erinnerungen, Faber & Faber Verlag Leipzig 2009, S. 123

Der Text wurde in der Wochenendausgabe von 1./2. Februar 2020 in der Zeitung Junge Welt veröffentlicht.

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Holzstich Ausstellung

Wir laden Sie und Ihre Freund*innen herzlich zur Vernissage der Ausstellung Holzstich am Freitag, den 24. Januar 2020
um 19 Uhr ein.

Ausstellungsdauer: 25.01.–01.03.2020
Konzert Soundscapes: So 23.02.2020, 20 Uhr
Finissage: So 01.03.2020, ab 16 Uhr

Kuratiert von Archi Galentz.

Ein Katalog der Ausstellung ist in Vorbereitung und kann vorbestellt werden.

Holzstich

  • Wassili Nikolajewitsch Masjutin Масютин Василий Николаевич (1884–1955)
  • Karl Rössing (1897–1987)
  • Karl-Georg Hirsch (* 1938)
  • Wolfgang Würfel (* 1932)
  • Iwan Nikolajewitsch Pawlow Павлов Иван Николаевич (1872–1951)
  • Anatoli Andrejewitsch Suworow уворов Анатолий Андреевич (1890–1943)
  • Alexei Iljitsch Krawtschenko Кравченко Алексей Ильич (1889–1940)
  • Pawel Alexandrowitsch Schilingowski Шилинговский Павел Александрович (1881–1942)
  • Wladimir Andrejewitsch Faworski Фаворский Владимир Андреевич (1886–1964)
  • Georgi Alexandrowitsch Echeistow Ечеистов Георгий Александрович (1897–1946)
  • Michail Iwanowitsch Poljakow Поляков Михаил Иванович (1903–1978)
  • Michail Iwanowitsch Pikow Пиков Михаил Иванович (1903–1973)
  • Illarion Wladimirowitsch Golyzin Голицин Илларион Владимирович (1928–2007)
  • Henrietta Nikolajewna Burmagina Генриетта Николаевна Бурмагина (1939–1984)
    & Nikolai Wassiljewitsch Burmagin Бурмагин Николай Васильевич (1932–1974)
  • Arkadi Michailowitsch Kolchanow Колчанов Аркадий Михайлович (1925–2008)
  • Michail Michailowitsch Wercholantsew Верхоланцев Михаил Михайлович (* 1937)

Holzschnitt

Kabinett: Farbholzschnitt

  • Mitsuo Katsui (* 1931)
  • Utagawa Kuniyoshi (1798–1861)
  • Utagawa Kunisada (1786–1865)
  • Utagawa Hiroshige II. (1826–1869)
  • Ikeda (Keisai) Eisen (1791–1848)
  • Philipp Mager (* 1966)

Ausstellungsansichten:

Holzstich: Königsdisziplin der Grafik

Holzstich gilt vielen als die Königsdisziplin der Grafik – die oft nur briefmarkengroßen Blätter, nicht selten auf hauchdünnem Papier gedruckt, sind außerordentlich faszinierend.

In der Ausstellung zeigt die Galerie Wolf & Galentz ausgesuchte Werke von über zwanzig Künstlern*innen in verschiedenen Gegenüberstellungen. Darunter sind Werke der deutschen Künstler Karl Rössing (1897–1987) und Karl-Georg Hirsch (* 1938) sowie Arbeiten der weit über die Grenzen Russlands hinaus renommierten Künstler Alexei Krawtschenko (1889–1940) und Wladimir Faworski (1886–1964), um nur die Bekanntesten zu nennen. Auch Michail Wercholantzew (* 1937), Mitglied der russischen Akademie der Künste, hat für diese Ausstellung acht Motive aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt.

Holzstich als Vervielfältigungstechnik

Der Holzschnitt, aus dem sich der Holzstich entwickelte, zählt zu den grafischen Hochdrucktechniken und zu den ältesten Methoden, Vervielfältigungen auf Papier herzustellen. In Europa gibt es den Holzschnitt seit dem 14. Jahrhundert, zunächst für Einblattdrucke, Blockbücher und schließlich Illustrationen in Büchern genutzt. Nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern nahm die Verbreitung des Holzschnitts zunächst stark zu (wurde allerdings weiterhin auch für Flugblätter und Pamphlete genutzt, etwa in der Reformationszeit). Im Buchwesen wurde er allerdings bereits im 17. und 18. Jahrhundert von der Radierung ersetzt, die wiederum im späten 18. Jahrhundert einerseits der Lithografie, andererseits dem von dem Engländer Thomas Bewick entwickelten Holzschnitt abgelöst wurde. Sowohl Holzschnitt als auch Holzstich wurden seit dem 19. Jahrhundert auch als künstlerische grafische Techniken für eigenständige Bildwerke verwendet, haben aber den Bezug zur Illustration im Buchwesen nicht verloren.

Präzision

Besonders präzise unter den historischen Drucktechniken ist der Holzstich, der in die homogenen Faserstrukturen des quergeschnittenen Holzes (Stirnholz) gearbeitet wird – oft so fein, dass Vergrößerungsapparate nötig sind. Holzstich ermöglicht hohe Auflagen in guter Qualität; die Druckplatten aus Stirnholz sind deutlich häufiger einsetzbar als jene aus Kupfer.

Vor allem die Grauwerte, die durch unterschiedliche Stichelführung entstehen, zeichnen den Holzstich gegenüber dem gröberen, spontaner und expressiver wirkenden Holzschnitt aus. In der klassischen Moderne, besonders im Expressionismus, wurde im Besonderen der Holzschnitt sehr beliebt (Munch, Heckel, Kirchner, Nolde), nicht zuletzt auch beeinflusst durch den japanischen Farbholzschnitt des 19. Jahrhunderts.

Mit der Verbreitung des Digitaldruckers, ubiquitären Copyshops mit erstaunlicher Qualität und dank weiterer Standardisierung des bezahlbaren Offsetdrucks, gepaart mit der medialen Bilderflut, ist das Interesse an Druckgrafik, besonders an schwarz-weißen Techniken, stark zurückgegangen. Diese Tendenz öffnet andererseits Chancen für Sammlerinnen und Sammler, da seltene Grafikblätter mit ihrer wunderbaren Ästhetik wieder auf dem Kunstmarkt auftauchen.

Ex-libris-Drucke

Heute sammelt man Ex-libris-Drucke, die zu einer Art Denkmal der Zusammenarbeit zwischen Sammlerinnen und Sammlern und den Kunstschaffenden wurden. Und auch heute noch gibt es den exklusiven Buchdruck mit speziell angefertigten Illustrationen in kleinen Auflagen.

Neben Katalogen zum Werk der ausgestellten Künstler sind bei unserer Ausstellung auch Bücher mit Illustrationen von Originaldruckstöcken zu finden.

Archi Galentz und Andreas Wolf als Betreiber der Galerie Wolf & Galentz sind interessierte Sammler von außergewöhnlichen Beispielen der Druckgrafik. Darüber hinaus haben beide ein besonderes Verhältnis zu Grafik und grafischen Künsten: Wolf hat neben bildender Kunst auch Grafikdesign studiert, Galentz war Tutor in der Lithografiewerkstatt der UdK Berlin, wo er bis 2002 studiert hat.

Zu den ersten Grafikblättern von Galentz Sammlung zählte ein Holzstich des Leipziger Künstlers Karl-Georg Hirsch. Die Galerie kaufte weitere Blätter von Hirsch und erwarb auch ein bescheidenes Konvolut von Drucken des Russen Wassili Masjutin, der in den 1920er-Jahren nach Berlin kam.

Weitere einzelne, auf dem Berliner Kunstmarkt gefundene Drucke der russischen Klassiker motivierten schließlich die Idee, dieser heute selten gewordenen grafischen Gattung eine eigene Ausstellung zu widmen, um, unter anderem, die Leidenschaft für diese einzigartige Ästhetik zu erhalten.

Alexei Krawtschenko

Als besondere Glücksfall sei die uns gebotene Chance erwähnt, neben einigen einzelnen Blättern auch zwei Reihen des sehr bekannten russischen Künstlers Alexei Krawtschenko für unsere Ausstellung gewinnen zu können – „Aus dem Leben der Frau“ (1928) und „New York“ (1929).

Da einige der ausgestellten Künstler nicht nur Holzstiche, sondern auch Holzschnitte schufen und die Grenzen zwischen diesen beiden Techniken ausloteten, unter anderem, um Farbe in die ursprünglich schwarz-weiß dominierte Ästhetik der grafischen Hochdrucktechniken zu bringen, erweitern wir die Präsentation der Holzstiche mit einer Auswahl von Holschnitten. Wir zeigen einige Blätter von Conrad Felixmüller (1897–1977), Stephan Preuschoff (1907–1994), Helena Scigalla (1921–1998) und Jürgen Wittdorf (1932–2018).

Ukiyo-e

Darüber hinaus präsentieren wir einige japanische Blätter aus unserer Sammlung. Beim japanischen Farbholzschnitt wird das Holz (meist) der Wildkirsche zwar im Längsschnitt – wie beim Holzschnitt – verwendet, aber dennoch eine dem Holzstich vergleichbare Präzision erreicht, und größere Felder auf den Stöcken ermöglichen feine Farbverläufe. Wir präsentieren einige Ukiyo-e-Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert sowie einige moderne Nachdrucke zum Vergleich. Und schließlich mit Mitsuo Katsui (* 1931) auch einen zeitgenössischen Vertreter des japanischen Farbholzschnitts.

Die japanischen Drucke sind auf zwei Wänden unseres Kabinetts ausgestellt und heben als farbintensive Kunstwerke die Nobilität des klassischen Schwarz-Weiß-Druckes hervor. Zuletzt wird eine Reihe der farbigen Holzdrucke des Berliner Malers Philipp Mager (* 1966) auf den zwei weiteren Wänden des Kabinetts den japanischen Farbholzschnitten gegenübergestellt und so sowohl ein Dialog zwischen den Kulturen angeregt als auch alte Meister gewürdigt.

Archi Galentz

Text von Peter Michel zur Ausstellung

 

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